Das Rätsel namens Verbundenheit

Mir ist aufgefallen, dass die Medien derzeit gespickt sind mit Beiträgen zur Einsamkeit der Menschen. Offenbar ist dieses Thema wichtiger geworden und verlangt nach mehr Aufmerksamkeit. Mich beschäftigt das bereits seit geraumer Zeit, wenn auch aus einer anderen Perspektive.

Einsamkeit heißt sich getrennt und abgeschieden zu fühlen, mit anderen Worten sich nicht verbunden zu fühlen. Die Folgen reichen von einem unangenehmen Gefühlszustand bis hin zur psychischen und physischen Erkrankung.
Aber was passiert da eigentlich? Ist es nicht total paradox, dass wir in einem Zeitalter leben in dem man das Frühstück wildfremder Menschen kennt weil sie es auf Facebook und Instagram posten und dabei gleichzeitig kaum mit unseren Nachbarn sprechen?

Tiefe Kontakte, meiner Meinung nach das wirksamste Mittel gegen Einsamkeit, brauchen Zeit, ehrliches Interesse, Toleranz, Offenheit und die Möglichkeit sich zu zeigen wie man ist. Sind wir nicht mehr bereit in unsere Beziehungen zu investieren? Oder könnte es sein, dass wir vergessen oder verlernt haben tiefe Kontakte einzugehen und zu erhalten?

Mir begegnen viele Menschen bei meiner Arbeit, die die Lösung ihrer Probleme bereits in sich tragen – z.B. wissen sie genau, wen sie in ihrem Umfeld fragen müssten um ihre aktuelle Herausforderung gut zu meistern und dabei sogar einigermaßen entspannt zu bleiben. Trotzdem tun sie es zunächst nicht. Wenn ich über meine Eindrücke nachdenke komme ich zu dem Schluss, dass eine mögliche Erklärung dafür darin besteht, dass es zunächst schwer fällt sich zu zeigen, verwundbar zu machen, authentisch zu sein. Gerade wenn das bedeutet, dass man sich und anderen eingestehen müsste: „Ich kann das gerade nicht leisten!“

Die häufigste Frage, die ich dann stelle lautet: „Was genau ist schlimm daran?“

In unserer Gesellschaft kommt es leider zum Großteil auf die Leistung an, die wir erbringen. Im Job, im Privatleben, selbst Freizeitaktivitäten könnte man nach Leistungsprinzipien bewerten. Wir sind selten einfach nur wie wir sind, sondern sind häufig auf dem Sprung zu etwas anderem. Viele kennen den Begriff „Selbstoptimierung“ (ein schreckliches Wort!). Aber wieso tun wir das eigentlich? Schließlich scheint es uns nicht gerade glücklich zu machen.

Es gibt noch eine andere Möglichkeit:
Unsere eigene, persönliche Entscheidung sich davon abzuwenden. Natürlich heißt das nicht, dass wir alle aufhören sollten und können zu arbeiten oder uns dem Leistungsprinzip zu entziehen – Arbeit hat hoffentlich für jeden von uns auch außerhalb der Notwendigkeit des Geldverdienens ihre Sinnhaftigkeit und wird weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Wir alle müssen manche Dinge tun, daran lässt sich nicht viel ändern.

Aber ich kann entscheiden wie ich diese Notwendigkeiten angehe und wie ich mich selbst dabei behandle. z.B. kann ich entscheiden mich nicht mehr bedingungslos den Erwartungen anderer auszusetzen und mehr danach zu schauen was ich brauche um gesund und zufrieden zu sein.

Ich kann mich für mich selbst entscheiden – und mit mir selbst wieder in Kontakt treten. Einsamkeit ist ein Gefühl, dass v.a. dann entsteht, wenn wir uns selbst verloren haben. Wenn ich weiß wer ich bin, was ich brauche, was ich für mich persönlich oder für andere erreichen möchte, bin ich vielleicht allein – aber nicht einsam.

In meinen Augen ist es überhaupt nicht paradox, dass wir zwar über Facebook Freunde zu 100ern sammeln und uns doch etwas Essentielles fehlt. Soziale Medien kreieren eine „Schein-Verbundenheit“, die durchaus attraktiv ist. Der schnelle „Like“, viele Freundschaftsanfragen und ein wahres Bombardement an persönlichen Mitteilungen aus aller Welt geben uns ein kurzes Gefühl des Kontakts. Aber er bleibt oberflächlich, hohl, ohne große Resonanz in uns selbst. Die Optionen, die soziale Medien bieten, sind vielfältig und bereichernd – auch ich nutze Facebook sehr gerne für bestimmte Aufgaben. Aber sie sind nicht das wahre Leben und das sollen sie auch nicht leisten.

Authentisch zu sein, das kann man nur im persönlichen Kontakt. Im wahrsten Sinne des Wortes „aufleben“ kann man nur im Teilen von Erfahrungen, nicht von Beiträgen. Ich möchte alle Leser dazu ermutigen sich diejenigen Menschen zu suchen, die ihnen genau dieses Gefühl geben:

Lebendig zu sein und nicht erst etwas werden zu müssen.

 

 

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