Bist du „genuss-reif“?

Die Idee zu diesem Beitrag kam mir im Supermarkt. Ich stand in der Gemüseabteilung und sah auf einer Avocado diesen Sticker kleben auf dem „genussreif“ steht. Soll heißen: Du kannst diese Frucht sofort verzehren und musst nicht warten bis sie reif ist. Keine Ahnung was genau den folgenden Gedanken ausgelöst hat, vielleicht war ich nicht so gut drauf. Jedenfalls meckerte in meinem Kopf eine Stimme: „Schön, dass die Avocado genussreif ist. Ich bin es nicht!“

Das hat mich überrascht und nachdenklich gestimmt. Der größte Genuss kann an mir vorbeigehen, wenn ich nicht bereit bin zu genießen. Woher kommt das?

Einstellung und Glaubenssätze

War ich an diesem Tag tatsächlich nicht „reif“ für Genuss? Für Pause; Erholung; für etwas Besonders, das ich nur für mich tue? Oder war ich nur kurzfristig in eine alte Vorstellung zurück verfallen, dass ich etwas besonderes leisten muss bevor ich mir etwas gönnen „darf“?
So etwas Alltägliches wie ein Einkauf hat mich also wieder zu einem meiner Kernthemen geführt: Fürsorge und zwar für mich selbst. Das verrückte an dem Ganzen: Hätte mich jemand in diesem Moment gefragt: „Wiebke, was genau sollst du denn „geleistet“ haben um dir etwas Besonderes zu gönnen?“ – ich hätte es nicht sagen können. Wahrscheinlich hätte ich nur etwas in der Art gesagt wie: „Na ja, ich muss so richtig kaputt sein, dann weiß ich, dass ich viel geschafft habe.“

Wer spricht da?

Etwas zu erreichen ist etwas Wunderbares. Zielstrebigkeit, Ehrgeiz, Leidenschaft, Erwartungen. All‘ das steckt in jedem von uns. Aber wie bei so Vielem im Leben geht es um Balance. Wenn nur Erwartungen zu mir sprechen (meine eigenen oder die von Anderen), habe ich auf Dauer keine Freude am Erfüllen dieser Erwartungen. Wenn mein Ehrgeiz mich blind macht für all‘ das, was ich schon erreicht habe, werde ich nie wissen wann ich die Zielgerade überquert habe.
Im Supermarkt viel mir auf, dass diese Dinge häufig etwas mit Geschwindigkeit zu tun haben. Wir wollen unsere Ziele in einer bestimmten Zeit erreichen, damit sie auch als Erfolg gelten. Vor uns und vor anderen.
Ein Beispiel: Wenn ich es schaffe in 10 Jahren ein Haus abzubezahlen statt in 30 habe ich ordentlich was „geleistet“. Ich habe mich angestrengt, geackert wie verrückt und mein Ziel „Schuldenfreiheit“ erreicht. Das hätte ich in 30 Jahren auch, aber je kürzer die Zeit desto größer die Leistung und desto größer die Anerkennung.

Aber geht diese Kalkulation wirklich auf?

Was mich daran stört ist, das etwas sehr Wichtiges nicht berücksichtigt wird: Der Weg zum Ziel. Mein persönlicher Weg, der mit neuen Impulsen, anderen Blickwinkeln und Neuem gepflastert ist. Mit anderen Worten: Mit all‘ dem, was mich lenkt während ich unterwegs bin. Um diese Impulse wahrzunehmen und in mir wirken zu lassen, muss ich langsamer sein. Nach rechts und links gucken können. Anhalten. Mir Zeit nehmen zum Reifen.

Als ich fast bei der Kasse angekommen war, dachte ich: „Vielleicht kann ich mich ja entscheiden „genuss-reif“ zu sein? Jetzt. Hier. Vielleicht kann ich das selbst beeinflussen und „weicher“ mit mir selbst umgehen?“

Soll ich dir was sagen?

Die Avocado habe ich mitgenommen. Und sie hat SEHR gut geschmeckt. 

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