So viele Stimmen

Dieser Beitrag basiert aus den vielen kleinen Reflektionsschnipseln, die ich im Laufe der letzten sechs Jahre gesammelt habe, als ich meine Dr.-Arbeit geschrieben habe.

In diesen sechs Jahren habe ich nicht nur geschrieben. Es ist so viel innerlich passiert; so viele Entwicklungen, Entscheidungen und Entdeckungen, dass es schwer fällt sie zusammenzufassen. Also habt bitte etwas Geduld.

Zu schreiben, besonders über eine so lange Zeit, ist eine merkwürdige Angelegenheit. 

Ich stelle fest, dass ich häufig dann etwas als ‚wahr‘ erkenne, wenn ich es aufgeschrieben habe. Ich lese es und denke: „Ah ja, das ist richtig, So sehe ich das.“ Indem ich etwas aufschreibe, ist es greifbar, echt, stimmig. Es war vorher schon da, aber ich hatte keinen Ausdruck dafür.

Beim Schreiben ordnen sich die vielen Stimmen in meinem Kopf und die Einzelne wird hörbar. Es ist ein Weg aus diesem Szenario rauszukommen, in dem ich der einen Person in der hinteren linken Ecke zuhören will und die anderen 29 reden weiter. Es ist anstrengend. Wenn 29 leiser werden, geht es sehr viel leichter zu verstehen, was der Einzelne sagt.
Diese „Stimmen“ sind kein Ausdruck von Schizophrenie. Wir alle kennen dieses Durcheinander von Gedanken. Der innere Kritiker, der meint, wir könnten das doch wohl besser machen. Die Freundin, die sagt, dass das schon gut so ist. Der Organisierer, dass wir auf jeden Fall noch Kartoffelsalat machen wollen und wo das denn jetzt noch reinpassen soll usw.

Zu Schreiben empfinde ich als etwas sehr Persönliches.

Nicht nur wegen des Inhalts, sondern weil ich auch entscheide, dass ich schreibe und wo. Diese Entscheidungen werden auf dem Papier sichtbar. Besonders bei einer Dr. -Arbeit ist das kein leichter Unterfangen, weil man weiß, dass der Text nach akademischen Standards bewertet werden wird. Da wird etwas bewertet, das so persönlich ist wie es nur geht.

Schließlich ist es die Zeit, die du nicht mit deiner Familie und Freunden verbracht hast. 

Und es war die eigene Entscheidung. Das verringert, zumindest in meinem Fall, nicht den Druck, zu „performen“, also eine gute Leistung abzuliefern (hier durfte ich sanfter mit mir werden).

Gleichzeitig ist es kein Prozess, der völlig von deinem restlichen Leben getrennt dahinfließt. Vielmehr stockt und bremst es konstant und jedes Mal wieder steht die Entscheidung an: Mache ich weiter? Wie? Und warum?

Es stockt an vielen Stellen, weil es nicht einfach nur ein Fachtext ist. Es sind nicht einfach nur Fakten und Zahlen, die zusammengetragen und dein übriges Leben gequetscht werden müssen. Dafür sind viel zu viele Gefühle im Spiel. Frust, Traurigkeit, Wut, Angst, Freude, Ungeduld…

In meinem Fall war das „aushalten“ dieser Gefühle und der zeitlichen Limits, die das Schreiben nun mal meinem Tag auferlegt, zeitweise anstrengend, zeitweise freudvoll. Es ist dieser Mix, der mir viel über mich selbst beigebracht hat – und ihr könnt euch vorstellen, wie viel Wandlung in sechs Jahren passiert.

  1. Ich weiß, warum ich das mache. Dieses „Warum“ verhindert, dass ich einfach hinschmeiße. Es ist die tiefe Überzeugung, dass, wenn ich etwas anfange, ich es nach Möglichkeit auch durchziehe. Nicht als Doktrin – als Prinzip meiner Identität. So bin ich eben.
  2. Ich habe gelernt, dass ich Durchhaltevermögen habe und zwar in einem Umfang, von dem ich vorher nichts wusste (und auch jedem gesagt hätte, er spinnt, wenn er mir prophezeit hätte, ich würde sechs Jahre lang an ein und demselben Text schreiben).
  3. Ich mag das Schreiben. Der Frust hatte meist nichts mit dem Text zu tun und ob die Worte nun fließen wollen oder nicht. Vielmehr hat es mit meinen eigenen Unsicherheiten und alten Wunden zu tun, die sich dann ihr Ventil im langwierigen Schreibprozess suchten (besonders das Editieren fand ich grässlich!)

Und das Wichtigste: 

Was „gutes Schreiben“ ausmacht hat nicht so viel mit der Meinung anderer zu tun als mit deinem Gefühl, deinen eigenen Stimmen Ausdruck verliehen zu haben.

Ja, Stimmen im Plural!

In unserem Ausdruck, sei es auf Facebook, Instagram, an der Supermarktkasse, in einem Buch oder was auch immer, findet sich unsere Entscheidung, welche Stimme zu hören sein soll. Wir haben viele – jeder von uns. Und keine müssen oder sollen wir loswerden. Der Kritiker ist gut und nützlich, aber es ist gut, wenn er nicht den ganzen Tag spricht. Die Freundin kann auch mal eine Pause vertragen und dem Organisierer Platz machen, damit wir auch wirklich Kartoffelsalat machen. Oder es bewusst sein lassen.

Es sind Entscheidungen, die, bewusst oder unbewusst, unseren Tag bestimmen. Das ist in wesentlicher Teil meiner Arbeit als Beraterin und Coach. Sich selbst kennenzulernen heißt, allen Stimmen in uns zuzuhören; sie wertschätzen und verstehen zu wollen, was sie uns mitteilen. Wir sind komplex. Das zu zeigen halte ich nicht für merkwürdig, sondern für ausgesprochen souverän, stark und offenherzig.

Es ist die Essenz dessen was ich mit „authentisch“ meine.

Wichtig für mich zu lernen war, dass es Zeit braucht um authentisch zu sein. Schmerz, Traurigkeit und Ungeduld sind ein Teil dieses Prozesses. Sie sind es, damit wir die Wandlung verkraften. Damit wir mit der Verwundbarkeit umgehen lernen und besser verstehen, wer wir sind.

Nach diesen sechs Jahren kann ich sagen, ich habe Abschnitte wirklich widerlich gefunden.

Trotzdem würde ich es wieder machen. Und nichts bereuen.

 

 

 

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